Steil ist geil? Ja schon, aber …

Steil ist geil? Ja schon, aber …

Komisch, dass ich ausgerechnet in diesen zauberhaften Sommertagen ans Powdern im Winter denke … – aber das hat seine Gründe. Aber zuerst mal zum Laufen: Wenn ich von neu lancierten Läufen wie dem Sardona Ultra Trail, dem Eiger Ultra Trail oder dem Swiss Iron Trail höre, dann fackle ich meist nicht lange, melde mich an, buche mir ein Zimmer vorab und freue mich schon mal die nächsten paar Monate. Klaro, das Heidiland und das Bündnerland sind einfach schampar schön, ebenso das Berner Oberland, das Wallis, das Tessin … na ja, egal wo, es ist halt schön, durchs alpine Gelände zu traben.

Nicht nur die Aussicht auf ein alpines Laufabenteuer in einzigartiger Umgebung spricht für Läufe dieser Klasse: Es ist auch die Herausforderung, nicht nur eine Ultradistanz zurückzulegen, sondern mit einer Ultradistanz auch gleich noch ein paar tausend Höhenmeter abzuspulen. Lange und weit laufen, das können viele. Aber lange und weit und auch noch schier endlos bergauf und bergab laufen? Das ist nicht jedermanns Sache. Und ehrlich gesagt tut das bewundernd-verständnislose Kopfschütteln von Nicht-Bergläufern ein Übriges zum eigenen Selbstverständnis: Dass man nämlich nichts weniger ist als ein ganzer Kerl oder eine ganze Kerlin, ein Siebensiech, eine, die dem Teufel vom Karren gefallen ist. Weil steil ist geil.

Wirklich? Und ist steiler auch wirklich geiler? Wenn wie beim diesjährigen Lodrino-Lavertezzo-Berglauf auf 6 Kilometern 1500 positive Höhenmeter zu erklimmen sind, dann gibts dafür nur ein Wort: Rock ‘n’ Roll. Und ja, das Gefühl nach 40 oder 50 Kilometern und 3000 (positiven wie negativen notabene) Höhenmetern oder gar 80 Kilometern und 5000 Höhenmetern (viel mehr liegt bei mir nicht drin, sorry!), zu finishen, mit einem Lächeln und erhobenen Hauptes über die Ziellinie zu laufen, ist unbezahlbar. Das Gefühl, etwas zuvor Undenkbares geleistet zu haben, über sich selbst hinausgewachsen zu sein, den inneren Schweinehund bezwungen zu haben, ist erfüllend, pures Glück. Du bist für einen Augenblick eins mit der Welt, und dieser Augenblick hat etwas Transzendentales, Religiöses – was gar nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen ist. Immerhin ist es dieselbe hormonelle Belohnungsmaschinerie, die unter Volllast läuft wie bei Personen in religiöser Verzückung und Ekstase.

Dennoch: Es muss nicht immer Tatar vom Kobe-Rind sein – wenn die Zutaten stimmen, sind auch Wurst und Brot ein Festessen. Will sagen: Wenn 50 Kilometer nur über 1500 oder 2000 statt 3000 oder 4000 Höhenmeter führen, ist das Hochgefühl nach dem Finishen nicht zwangsläufig nur halb so berauschend. Denn weniger Höhenmeter heisst meistens auch mehr Tempo, mehr gelaufene und weniger gewanderte Kilometer. Mehr Gelegenheit, in einen Flow, in den Flow zu kommen. Auf dem Trail zu surfen. Wer dabei an Pulverschnee denkt, weiss, wovon ich schwärme und warum ich zunächst einmal vom Powdern gesprochen habe.

Es ist so ähnlich wie beim Freeriden mit dem Board oder den Skiern: Ein gefühlt beinahe senkrechtes Couloir von wenigen Metern Breite hinunterzubrettern, löst Adrenalinschübe aus, dass Dir Hören und Sehen vergeht und Du die Nacht danach kaum einschlafen kannst – geilo! Um nicht zu sagen: geilomat! Dann gibts aber auch noch die weiten sanft geschwungenen Hänge mit einem Gefälle von 20 oder 25 Grad. Lauwarme Hühnerkacke? Ach was, hier steppt der Bär einfach heimlifeiss, aber nicht weniger! Dort kannst Dus nämlich gehen lassen, lange Bögen in den Hang ziehen und auf einer zu Millionen und Abermillionen kleinster Kristalle gefrorenen Welle surfen. Adrenalin? Ein bisschen, sicher. Glückshormone? Aber so was von, die volle Ladung. Dabei hast Du sogar noch Zeit, den aufstiebenden Schnee zu geniessen, der bei jeder Kurve in der Luft glitzert. Und das Beste: Wenn Du unten bist, dann willst Du nicht nur sofort wieder rauf und grad noch einmal runterpowdern – Du kannst es auch. Weil die Beine noch mögen. Und Du das Schicksal kein zweites Mal herausfordern musst.

Ein bisschen in der Art verhält es sich auch bei mir, wenn auf Trails unterwegs bin. Da und dort mal eine steile Rampe rauf und wieder runter – her damit, macht Spass, ist geil, wenn beim Rauflaufen die Waden bleischwer werden und ich beim Downhill noch nicht weiss, wie ich bremsen soll. Ausserdem: Stark coupierte Strecken sind ein fantastisches Training. Aber wenns immer nur steil rauf und runter gehst, wenn Du an Läufen den Veranstalter im Verdacht hast, dass es ihm auch darum geht, mit Höhenmeter zu klotzen statt zu kleckern … – na ja, na ja. Kann man toll finden. Was mir dann auf die Dauer fehlt, gehört zu den elementarsten Motiven überhaupt, warum ich auf Trails und in den Bergen laufe: das meditative Element. Und ich sags jetzt halt wieder: Es ist der Flow, der übrigens auch dafür sorgt, dass ich nach einem Tag in den Bergen nachhause komme und irgendwas von «Schweben» und «Surfen» stammle …

Michael Helbling